Der Mann von Welt

Wir wohnten in Listoonvarna, einem kleinen Nest im County Clare von Irland, das nur im September beim Matchmaking Festival, dem legendären Single Heiratsmarkt zum Leben erwacht.
Das Dinner im Hotel wurde pünktlich ab 7 p.m. von einem sehr aufmerksamen, jungen, internationalen Team serviert. Am ersten Abend entschied sich die Sitzordnung für die restliche Reisezeit.
Als ich bei der Vorspeise gerade dabei war den ersten Bissen meines Krabbenomeletts genüsslich in den Mund zu schieben kommentierte mein Tischnachbar aus Schlesien bei seiner Gemüsesuppe: „Ich kannte mal eine Frau, die immer viele Eier gegessen hat und dann gestorben ist“.

„Gott sei mit dir“, auf gälisch „Dia Dhiah“ schoss es mir durch den Kopf, Volltreffer mit diesem Zeitgenossen, nichts vom Unterwegssein mit netten Leuten, dem Slogan des Reiseunternehmers.
Der Schlesier hüstelte, griff über mich hinweg nach der Butter zum Toast, fegte dabei über sein Guinnessglas und hinterließ auf dem Tisch eine Kriegserklärung in Form einer schmutzigbraunen Pfütze. Die übrigen Gäste des Sechsertisches warfen mir Blicke des Beileids zu und da sie wie ich eher die dunkle Brotsorte bevorzugten, entstand von diesem Moment an unsere sogenannte Sodabrotfraktion.
Die japanische Bedienung ließ ihre Augen kullern, flog mit einem Wischlappen herbei und beseitigte gekonnt das Malheur. Zur Belohnung orderte der Schlesier ein weiteres Glas Bier bei der zierlichen Frau, die sich zu ihm hinunterbeugte und ihm ihr makelloses Porzellanlächeln schenkte. Er betastete anmaßend ihren Unterarm, flüsterte ihr „arigato“ zu, lachte und demonstrierte Weltgewandtheit.

Die Sodabrotfraktion, die aus meiner Freundin, einem Mutter-Tochter Gespann und einem Mann meines Alters bestand, schickte verschwo-rene Blicke und Augenaufschläge hin und her.
Der Schlesier begann sich aufzuplustern und gab seine erste Geschichte zum Besten.
„Bei meinen zahlreichen Reisen habe ich immer genügend Schokolade dabei, um besser bestechen zu können“.

Erstauntes Aufhorchen in der Runde.
Bestechen? Wen, wann, wozu? Mit Schokolade?
„Tja“, meinte der Schlesier „ich brauche ein großes, helles, ruhiges Zimmer und wenn ich bei meiner Ankunft an der Rezeption eine Tafel Schokolade hinlege ergeben sich immer Möglichkeiten, das zu bekommen was ich möchte“.
Verwundertes Raunen machte die Runde.
Warum er denn nicht mit Geld besteche wurde gefragt.

„Das wäre wohl zu offensichtlich“, sagte der Schlesier. Es ginge um die freundliche Geste des Gastes, um die dezente Aufforderung, seinem Wunsch nachzukommen, um eine Reiseerfahrung, mit der er bis jetzt immer weltweit Erfolg zu haben schien.
Auf die Frage, welche Schokolade er denn so zahlreich im Koffer mitführe antwortete der Schlesier nur lapidar „na die von Rittersport“.
Sogleich rief er nach der kleinen Japanerin, redete leise auf sie ein, beendete das Gespräch mit einem nachhaltigen „thank you so much“, unterstrich es mit seinem breiten, weltmännischen Lächeln und steckte ihr rasch eine Tafel „Mandel Krokant“ zu, die er aus seinem Jackett hervorzauberte.
„Arigato“ wisperte das Geschöpf und ließ das weiß-braune Quadrat in der Kittelschürze verschwinden.
Beim Nachtisch servierte sie ihm prompt eine zweite Portion Waffeln mit heißen Kirschen in Whisky.
Von diesem Moment an entschied ich in Zukunft auch eine Frau von Welt zu werden, aber die Schokoladenfirma zu wechseln.