Stundensprache

Er steht am geöffneten Fenster und schüttelt verwundert den Kopf. „Da kommt meine Frau!“
Sie wohnen immer noch im gleichen Haus, in getrennten Wohnungen, der Kinder zu Liebe.
„Seit ich sie verlassen habe, ist sie hässlich geworden“ sagt er zu Sarah, holt zwei Tassen mit heißem Wasser, stellt die Teebeutel auf den Tisch.
Sarahs Blick schweift zu seinem Bett ohne Leintuch und Überzug,
beobachtet seine Unruhe zwischen Rauchen und Lüften, bis er schließlich Platz nimmt, ihr gegenüber.
Er ist eine Erscheinung. Groß, hager, mit markanter Nase und der Art von Silbergrau im Haar, die vornehm wirkt bei Männern in seinem Alter.

Sarah beginnt aus seinem vergilbten Buch vorzulesen. Er verbessert sie, ist streng mit ihr. Seine Stimme singt. Sie schwingt sich ein, hat Gefallen daran, weiß, dass sie noch viel üben muss. Momente des Eintauchens in eine fremde Intonation, nachhaltig für sie, einfach für ihn.
„Bist du schon müde?“
Er macht sich einen Espresso.
„Ich glaube für heute ist es genug. Die Stunde ist auch schon vorbei.“
Sie packt das Buch, das Vokabelheft mit den Notizen in ihre Tasche, überreicht ihm die 30 Euro.
Er bringt sie zur Türe mit einem Lächeln aus Porzellan.
„Du rufst an, wenn du so weit bist.“
„D´accordo.“
Sein Lächeln zerspringt in tausend wohlwollende Scherben.
Sarah gleitet hinaus. Es ist Mittag. Alle Glocken der Stadt rufen ihr zu. „Brava, brava, Sarah!“