Saunageschichten (Mr. Lindbergh)

Letzten Montag kurz nach 14.00 treffe ich auf ihn an der Bar meiner Lieblingssauna. Ohne Zweifel, es ist Charles Lindbergh, der gerade in seiner Kaffeetasse rührt, die braune Fliegerkappe auf dem Kopf. Ich bin so geflasht von seinem Anblick, dass ich ihn spontan anspreche: „Hi Mr. Lindbergh, nice to see you here, wie war Ihr Flug? Where the fuck steht denn Ihre „Spirit of St. Louis?“ Mr. Lindbergh nuschelt in unverständlichem Kauderwelsch des Aichacher Hinterlandes, leicht zu verwechseln mit dem amerikanischen Slang von „Little Falls“, wo er einen Großteil seiner Kindheit verbrachte. Er hat sich verändert im Laufe des letzten Jahrhunderts, seine Weltgewandtheit und amouröse Ausstrahlung auf Frauen eingebüßt, vermutlich aufgebraucht durch das zu lange gehütete Geheimnis seiner Doppelleben und Nebenfamilien, die er in Europa hatte. Seiner Frau Anne Morrow ist das mittlerweile egal und seine fünf amerikanischen Kinder haben sich mit der rätselhaften Vergangenheit ihres Vaters und seinem Verhältnis zur menschlichen Arterhaltung abgefunden und ausgesöhnt. Charles grinst mich an, lädt mich auf einen Kaffee ein. Ich setze mich auf den schwarzen Barhocker und nehme augenblicklich seine Alkoholfahne wahr, die mir herb entgegenweht. Kein Wunder bei seinem Absturz vom amerikanischen Volkshelden zum verarmten Hinterwäldler. Als mein Kaffee auf die Theke gestellt wird ist Herr Lindbergh nicht mehr zu bremsen, alles sprudelt aus ihm heraus wie ein Staudamm, der bricht.

Intimes und Privates wird ausgepackt, hemmungslos und selbstvergessen. Ich nippe an meinem Kaffee, muss mich anstrengen den Dialekt mit den verschluckten Silben zu verstehen, nicke kurz, werde regelrecht überschwemmt von seinen Schicksalsschlägen. Seine Frau hat ihn verlassen, nachdem er seinen Hof verzockte, jetzt lebt er immer wieder in Unterkünften der Fürsorge. Auch Lindberghs Frau Anne entfremdete sich immer mehr von ihm, worauf er sein ungebundenes Leben fortsetzen und durch die Welt reisen konnte. Ich beeile mich meinen Kaffee auszutrinken und lasse Charles verblüfft zurück. „Vielleicht treffen wir uns im nächsten Leben und gründen dann eine glückliche Familie,“ raune ich ihm zu und bezahle für uns zwei. Doch so lange muss ich gar nicht warten. Bereits im Ruheraum belegt er die Liege schräg gegenüber. Ich ziehe mir die Kapuze meines Bademantels tiefer ins Gesicht, um unerkannt zu bleiben. Charles starrt unentwegt auf sein Handy und greift immer wieder in seine Saunatasche, um sich sein Glas mit Rotwein nachzufüllen. Von Zeit zu Zeit schüttet er etwas Grünes aus einer kleinen, dunklen Flasche in sich hinein. Ich tippe auf Absinth. Plötzlich durchdringt ein Klingelton den Ruheraum. Charles empfängt mehrere Sprachnachrichten, die in voller Lautstärke abgespielt werden. Dabei handelt es sich eindeutig um junge Frauenstimmen, die ihn auffordern, sie sobald wie möglich zurückzurufen. Der alte Lindbergh ist zurück. Ich drücke ihm die Daumen, bei der Koordination seiner Dates.